Archiv Meditationsimpulse

 

April 2018

Ostern - der Beginn des Glaubens

Meditationsimpuls zu Markus 16, 1 - 8

" Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome
wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Da verließen  sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich."

 

Seit fast 2000 Jahren gibt es die Kirche, gibt es also Menschen, die den Zeugnissen der ersten Christen von der Auferstehung Jesu Christi glauben. Eines davon ist das der Frauen am leeren Grab. Der Schrecken des grausamen Todes Jesu steckt ihnen noch in den Knochen, da werden sie erneut von blankem Entsetzen gepackt, nicht nur, weil ihr geheimer Plan, Jesus die letzte Ehre zu erweisen, sich völlig unerwartet als undurchführbar herausstellt. Sondern weil ihnen Ungeheuerliches und zunächst Unmögliches zugemutet wird: nämlich zu glauben, dass der tote Jesus ins Leben zurückgekehrt ist, und dass er seinen verstörten und verängstigten Jüngern sichtbar und erfahrbar nach Galiläa vorausgehen wird. Galiläa aber bedeutet: in ihren Alltag, das, was sie kennen und wo ihr alltägliches Leben stattfindet.

Die Frauen fliehen. Wie überaus menschlich ist diese Reaktion!

Man könnte an diesem Evangelium einmal meditieren, wie die Frauen die Nachricht vom Ostergeschehen aufnehmen. Der Reflex zu flüchten gehört ja zu den Urinstinkten jedes Menschen; er ist eine Kraftquelle,         die immer dann mobilisiert wird, wenn sich ein Mensch existentiell bedroht sieht; er ist ein Reflex, der das Überleben sichern soll!

Wie mächtig dieser Instinkt das Handeln der Frauen bestimmt, schildert dieser Bericht, denn das "Erschreckt nicht!" des jungen Mannes erreicht die Frauen am Grab nicht.

Es geht in diesem Osterbericht um eine massive existentielle Erschütterung, die die Frauen durchmachen und vor der sie sich durch Flucht schützen müssen.

So endet das ganze Markus-Evangelium. Kein Jubel, keine Freude, kein Überschwang.

Es scheint fast, als wolle Markus damit sagen: Wenn ihr die Wahrheit der Auferstehung Jesu erfassen wollt, wenn ihr dem auferstandenen Jesus glauben wollt und damit den Zeugnissen der ersten Christen, dann übergeht nicht die Erfahrung der Frauen am leeren Grab:

spürt ihre tiefe Erschütterung, ihr Entsetzen, ihre Angst und Sprachlosigkeit;

lasst euch ergreifen von der existentiellen Wahrhaftigkeit ihrer Erfahrung - und macht sie euch zu eigen:

flieht vor den leeren Gräbern eures Lebens, an denen es nichts (mehr) zu tun gibt,

und sucht den lebendigen Gott.

Folgt Jesus dorthin, wo er zu finden ist: in euren Alltag.

Und wo das Evangelium aufhört, fangt ihr an! Denn ihr seid jetzt dran!

Fangt an, von euren eigenen Erfahrungen mit Christus zu erzählen.

 

 

 

Februar 2018

Mit leichtem Gepäck leben

Meditationsimpuls zu Psalm 81, 6b - 7 und Matthäus 10, 7 - 10 

" Eine Stimme hörte ich, die ich noch nie vernahm:

Seine Schulter hab' ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb." (Ps 81, 6b - 7)

 

" In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt."

 

Friedrich Nietzsche konnte auch deshalb nicht an Gott glauben, weil ihn die Gläubigen so wenig überzeugten.  Er sagte über sie: "Erlöster müssten mir die Christen aussehen, dass ich an ihren Erlöser glauben könnte."

Statt "erlöster" könnte man vielleicht auch sagen: befreiter, unbeschwerter!

 

Das jedenfalls will Jesus seinen Jüngern auf den Weg geben:

Ihr seid erlöst und befreit. Euch ist die Last der Sorge um ein geglücktes und erfülltes Leben abgenommen.

Jedem von uns gilt der Satz Gottes in Psalm 81:

"Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb."

 

Darum lebt mit leichtem Gepäck und lasst alles weg, was euch den Weg zu den Menschen beschweren könnte:

euren Vorrat an Erfahrungen, Urteilen und Vorurteilen; an Sicherheiten und Absicherungen;

euer Geld, d.h. euer Denken in den Kategorien von Geben und Nehmen, euer Kalkulieren und Rechnen;

eure Sorge zu kurz zu kommen.

Denn wenn ihr zu den anderen unterwegs seid, wenn ihr sie trösten und heilen, aufrichten und stärken und mit ihnen ein erfülltes Leben leben wollt, braucht ihr nichts weiter als euch selbst - und die Gewissheit im Glauben, unendlich reich beschenkt worden zu sein durch Gottes Liebe.

 

Von Jacob Ternay stammt der Satz:

"Kein Mensch hat umsonst gelebt, wenn er das Leben eines anderen ein wenig leichter gemacht hat."

Wer das Leben eines anderen leichter machen will, der muss auch selbst mit leichtem Gepäck unterwegs sein.

 

Dieter Müller

 

 

 

 

 

Weihnachten 2017

Geboren um zu leuchten

Meditationsimpuls zu Lukas 2, 8 - 20

" In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:  Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt."

 

"Der Glanz des Herrn umstrahlte sie." Wenn man "Glanz" durch "Liebe und Wärme" ersetzt, ahnt man, wie sich die Hirten gefühlt haben müssen: "Die Liebe und Wärme Gottes umstrahlte sie."

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, aus denen Gottes Liebe leuchtete; die die Wärme und Menschenfreundlichkeit Gottes ausstrahlten, die durch die Geburt Jesu Christi in die Welt kam.                        Von vielen Heiligen wird dies gesagt, aber auch Menschen wie Frère Roger, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, oder der 2013 gestorbene frühere Staatspräsident Südafrikas Nelson Mandela hatten diese Ausstrahlung.

Menschen wie sie zeigen uns eine Wahrheit über uns, die zuerst die Hirten erfuhren - und vielleicht waren sie auch deshalb zunächst so erschrocken: dass nämlich das Licht der Liebe Gottes in jedem Menschen leuchtet,      und dass es umso heller leuchtet, je offener und durchlässiger ein Mensch für Gottes Liebe ist.

Marianne Williamson, eine amerikanische Friedensaktivistin und Buchautorin, hat dies in Worten ausgedrückt, die  - nicht überraschend - oft Nelson Mandela zugeschrieben werden:

"Wir sind alle bestimmt, zu leuchten, wie es die Kinder tun.

Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.

Er ist nicht nur in einigen von uns,

er ist in jedem einzelnen."

 

Wie soll ich dich empfangen? fragt Bach im Weihnachtsoratorium. Die Antwort, die Gott an Weihnachten gibt, lautet: Nimm mich an wie ein Kind, das dir in die Hände gelegt wird: nimm mich an mit offenen Händen.

Denn so heißt es in einem Gedicht von Margarethe Rüschpler:

 

"Kein Geheimnis ist greifbar

mit habsüchtiger Hand

weder der Sternenglanz am Himmel

noch sein Widerschein im See

und niemals die Liebe

das scheue Band zwischen uns."

 

(Dieter Müller)

 

 

 

 

 

Advent 2017

Wenn Gott schweigt

Meditationsimpuls zu Jesaja 63, 16b - 17.19b; 64, 3 - 7

" Du, Herr, bist unser Vater, 'Unser Erlöser von jeher' wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen , die dein Eigentum sind. Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. (...)

Ja, du warst zornig; denn wir haben gegen dich gesündigt, von Urzeit an sind wir treulos geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind.

Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen.

Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände."


 

Dies ist das Klagelied der Israeliten, die nach der Zerstörung des Tempels (586 v. Chr.) ins Babylonische Exil vertrieben werden. Sie machen die Erfahrung, dass niemand mehr Gott anruft. So stellen sie fest:

darum schweigt auch Gott.

Machen Menschen nicht auch untereinander die Erfahrung, dass sie einander nichts oder nichts mehr zu sagen haben? Und dass es nach Phasen der Sprachlosigkeit oft schwer, wenn nicht gar unmöglich ist,

wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?

Ist einer der Gründe für solche Sprachlosigkeit nicht der, dass man angefangen hat, vom anderen nichts zu erwarten, zumindest nichts Positives mehr? Warum soll das in der Beziehung zu Gott anders sein?

Für viele Menschen ist Gott ohnehin kein schweigender sondern schlicht ein nicht existierender Gott.

Und kann man selbst als Christ nicht manchmal den Eindruck gewinnen, Gott sei zumindest abwesend?

 

Es gibt im Kirchenjahr besondere Zeiten und Tage, in denen die Erfahrung des Schweigens, der Abwesenheit Gottes in verdichteter Weise in den Mittelpunkt rückt: am Karfreitag und Karsamstag - und im Advent.

Diese Zeiten erinnern daran, dass es für uns Menschen wesentlich darauf ankommt, die Erfahrung der Gottverlassenheit nicht zu ignorieren, nicht wegzureden oder zu überspielen (weshalb es im Grunde auch falsch ist, schon im Advent Weihnachten feiern zu wollen). Denn diese Zeiten können Anstoß sein für eine Standortbestimmung im Verhältnis zu Gott:

Wo stehe ich bzw. wie stehe ich zu Gott?

Geht es mir so, dass ich Gott nichts zu sagen habe,  weil auch er mir anscheinend nichts zu sagen hat?

Oder finde ich mich vielleicht in der Klage der Juden im Exil wieder?

Sie halten die Abwesenheit Gottes nicht mehr aus, denken selbstkritisch über ihre Lage nach und erinnern sich an Gott und seine Versprechen.

So fangen sie an, von Gott wieder etwas zu erwarten. Sie überwinden ihre Sprachlosigkeit und beginnen, wieder mit ihm zu reden - ja, voller Leidenschaft nach ihm zu rufen. Manche vielleicht zum ersten Mal.

Wenn es mir so geht, dann bin ich mitten im Advent, in der Zeit der Erwartung.

Im darauf folgenden Kapitel 65 übrigens antwortet Gott ...

 

(Dieter Müller)

 

Sommer 2017

In Gott verwurzelt sein

Meditationsimpuls zu Jeremia 17, 7 - 8

" Gesegnet  der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist.

Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt:

Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün;

auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte."

 

Eingepflanzt sein in Gottes Gegenwart.

In ihm wurzeln. Auf seinem Boden stehen.

Bilder für die tiefe Verbindung mit Gott und wie sie wirkt:

Sie lässt aufblühen, wachsen und reifen.

Sie macht lebendig, führt einem Kräfte zu.

Aus dem Glauben an Gott leben bedeutet, meine Lebensadern - das, wonach ich mich sehne und strecke - auf Gott ausrichten.

Christen erkennen in Jesus Christus den Menschen, der wie kein anderer in Gott verwurzelt ist - so tief,

dass er Gottes Wesen, seine Liebe und Zuneigung in seiner Person verkörpert.

 

In der Stille kann ich ganz bewusst den Boden unter meinen Füßen spüren.

Und meine Lebensadern nach Gott ausstrecken, seine Gegenwart wahrnehmen.

Wer meditiert, gibt Gott Gelegenheit zu lieben.

Wer in Gottes Liebe verwurzelt ist, der braucht sich nicht mehr um die Früchte des eigenen Lebens zu sorgen.

Er wird erfahren können, was Christian Morgenstern ("Stilles Reifen") so ausdrückt:

 

"Alles fügt sich und erfüllt sich,

musst es nur erwarten können.

Und dem Werden deines Glückes

Jahr und Felder reichlich gönnen.

 

Bis du eines Tages jenen

reifen Duft der Körner spürest

und dich aufmachst und die Ernte

in die tiefen Speicher führest."

 

 

(Dieter Müller)

 

 

Juni 2017:

Jesus in meiner Mitte

Meditationsimpuls zu Johannes 20, 19-23

" Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert."

 

Man könnte von diesem Evangelium des Ostertages einmal die verschlossenen Türen meditieren:

die wörtlich zu verstehenden und die im übertragenen Sinn gemeinten, z.B. die des Herzens,

der eigenen Person.

Es gibt viele Motive, seine Türen verschlossen zu halten. Bei den Jüngern war es Furcht - kein Wunder:            die Ereignisse der Verhaftung und des öffentlichen Todes Jesu waren ja erst drei Tage her, der Schock darüber und wohl auch die Scham über ihr eigenes Verhalten sitzen ihnen noch in den Knochen.

Und bei mir? Vor wem oder was fürchte ich mich? Gibt es verschlossene Türen in meinem Leben?

 

Für den auferstandenen Jesus aber sind Verschlossenheit und Furcht keine Hindernisse. Er tritt trotzdem in die Mitte seiner Jünger. Auch das könnte man einmal meditieren - im Wortsinn kann ja meditieren ein Nachvollzug dieses Ostergeschehens werden, heißt es doch: in die Mitte gehen, seine Mitte finden.

Wer meditiert, legt seine Mitte frei.

 

Wenn Jesus in die Mitte tritt, dann nicht als Eindringling, der sich Angst und Schwäche der Jünger zunutze macht, um sie zu überrumpeln und wie ein Phönix aus der Asche ihrer Hoffnungen aufzusteigen und um ein beeindruckendes Feuerwerk seiner göttlichen Macht abzubrennen.

Nein, er tritt einfach in ihre Mitte.

Das kann er nur, weil diese Mitte leer ist. nicht besetzt von anderen oder von etwas anderem.

Vor seinem Tod war Jesus zur Mitte ihres Lebens geworden; sein Tod hinterließ bei ihnen eine von niemandem sonst zu füllende Leere. So verschlossen die Jünger nach außen ihre Türen, aber ihre innere Mitte blieb offen.

 

Wenn Jesus am Ostertag in die Mitte seiner Jünger tritt, ist damit vielleicht auch gemeint, dass er aufs Neue - und nun für immer - in die Mitte jedes einzelnen Jüngers tritt, in sein Herz.

Um dort den Atemhauch seiner verzeihenden Liebe auszuströmen, den Heiligen Geist.

 

(Dieter Müller)

 


 

 

 

 

 

 

 

April/Mai 2017:

Wo liegt Emmaus für mich?

Meditationsimpuls zu Lukas 24, 13 - 35 und Psalm 18, 20.29

" Er führte mich hinaus ins Weite, / er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen. -

Du, Herr, lässt mich meine Leuchte erstrahlen, / mein Gott macht meine Finsternis hell."

 

Wo liegt Emmaus?

Und wie weit ist es bis dorthin?

"Ich brauche erstmal Abstand!" Wenn Menschen das sagen, haben sie fast immer nichts Gutes erlebt.

Kenne ich das auch? Wie sah die Situation aus, in der ich das sagen musste?

Von wem oder was brauchte ich Abstand?

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus brauchen auch erstmal Abstand, müssen weg von Jerusalem.

Jerusalem - das heißt für sie: enttäuschte Hoffnung und Schrecken, der Tod eines geliebten Menschen,

Stillstand und Ende eines wunderbaren gemeinsamen Weges.

Auf dem Weg nach Emmaus gewinnen sie Abstand, verschaffen sie sich Luft.

Das tun sie auf doppelte Weise: zunächst äußerlich und räumlich - sie lassen den Ort ihrer Enttäuschung tatsächlich hinter sich.

Aber auch innerlich verschaffen sie sich Luft: sie reden, tauschen sich aus; erst zu zweit, dann mit dem Fremden, der zu ihnen gestoßen ist und ihnen Fragen stellt. Die Art seiner Fragen verrät ihnen, dass er unglaublich großen Abstand haben muss zu all dem, was sich in Jerusalem ereignet hat.

Dieser Fremde - woher kommt er eigentlich? Wer ist das?

 

Jedenfalls machen sie mit ihm unterwegs die gleiche Erfahrung wie mit dem lebendigen Jesus,

den sie kannten und der ihre Hoffnung war:

da ist einer, der ihr eingefrorenes Herz in ein brennendes verwandelt

und die Härte und Erstarrung ihres Lebens in Trauer auflöst;

da ist einer, der ihnen Luft zum Atmen verschafft und ihren Schritten und ihrer Seele weiten Raum eröffnet;

da ist einer, der ihren Weg mitgeht und ihm am Ende eine neue Richtung gibt.

Wie finde ich Jesus?

Wie finde ich zu mir selbst?

Das Evangelium der Emmaus-Jünger antwortet darauf so:

Vielleicht bist du wie einer dieser Jünger. Vielleicht brauchst du dafür den richtigen Abstand,

braucht deine Seele genügend weiten Raum.

Und jemanden, der mitgeht.

Erst dann können dir die Augen aufgehen. Vorher nicht.

Wo liegt Emmaus für mich?

Und wie weit ist es bis dorthin?

Und wer geht mit?

 

(Dieter Müller)
 

 

 

 

 

März 2017:

Gott reinigt

Meditationsimpuls zu Matthäus 21, 12 - 17

" Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und sagte: In der Schrift steht: 'Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.'  Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.  Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: 'Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob?' Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Betanien; dort übernachtete er."

 

Der Schauplatz dieses Evangeliums ist nur vordergründig der historische Tempel in Jerusalem. Denn im Verständnis der Autoren des Neuen Testaments kann jeder Mensch im übertragenen Sinn ein Tempel Gottes sein, nämlich mit Leib und Seele ein Raum der Begegnung mit Gott sein, geheiligt durch die Gegenwart Gottes.

Paulus sagt das so: "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr." (1 Kor 3, 16)

So beschreibt also das Evangelium in verdichteter Form, wie Gott handelt, wenn er in das Leben eines Menschen tritt:

er reinigt und heiligt ihn zugleich - ein Geschehen, das man sich weniger als einmaligen Akt, sondern vielmehr als andauernden Prozess vorstellen sollte. Und den die Kirche besonders in der Fastenzeit mitvollzieht, die von der Kirche seit alters her auch als Zeit der Reinigung von Seele und Leib verstanden wird.

 

Jesus entrümpelt den Tempel und befreit ihn so von allem, was seine eigentliche Bestimmung behindert:

ein Raum der Begegnung mit Gott zu sein, frei von den Gesetzen und Triebkräften des Marktes, die die Händler verkörpern;

frei also von Angebot und Nachfrage, von Konkurrenz, dem Schätzen des Wertes und dem Berechnen des eigenen Vorteils;

ein Raum der Absichtslosigkeit, wie im selbstvergessenen Spiel der Kinder. Ihre Rufe sind nun wieder zu hören, während der Lärm der Händler verstummt ist.

Man kann an diesem Evangelium auch Jesus selbst meditieren und wie er sich verhält:

wen er an sich heranlässt, wen er von sich weist - und wen er einfach stehen lässt.

Und dabei die Kraft, Energie und Entschlossenheit wahrnehmen, mit der er das tut.

Und sich fragen und meditierend anschauen:

Wer oder was in meinem Leben, in meiner Seele sind die Händler? Wer die Schriftgelehrten?

Wer sind die Lahmen und Blinden?

Und wer die Kinder? Jesus hört sie - ich auch?

Denn der Schauplatz dieses Evangeliums bin ich selbst.

 

(Dieter Müller)

 

 

 

 

 

 

 

Februar 2017:

Gott danken

Meditationsimpuls zu Psalm 103 und Kol 1, 12

" Lobe den Herrn, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." (Psalm 103, 1 - 2) 

"Dankt dem Vater mit Freude!" ( Kol 1, 12)

 

Gott danken? Mit Freude gar?

Manchem ist vielleicht gar nicht nach danken zumute.

Doch gerade an ihn könnte dann der Psalm 103 gerichtet sein: "Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!"

Psalm und Lesung geben Erfahrungen mit Gott weiter. Jedem, der sie liest und hört, wollen sie ermöglichen, Gott selbst zu erfahren.

Gotteserfahrung ist aber wesentlich eine Erfahrung des Guten.

Sich des Guten zu erinnern, das mir widerfahren ist, und dabei zu erkennen, dass es wesentlich von Gott geschenkt ist - das ist der Grund jeder Beziehung zu Gott und der Ursprung von Dank. Wer sich so von Gott beschenkt weiß, wer erkennt, wie reich ihn die Beziehung zu Gott macht, den drängt es geradezu zum Danken.

Es ist darum kein Wunder, dass Anfang und Zentrum der katholischen Liturgie die Danksagung (aus dem Griechischen: die Eucharistie) ist.

Dank braucht ja im Übrigen keine großen Worte, wie diese Zeilen von Hans Magnus Enzensberger zeigen:

 

Empfänger unbekannt

Vielen Dank für die Wolken.

Vielen Dank für das Wohltemperierte  Klavier

und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.

Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn

und für allerhand verborgne Organe,

für die Luft und natürlich für den Bordeaux.

Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,

und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.

 

Vielen Dank für die Jahreszeiten,

für die Zahl e und für das Koffein,

und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,

gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,

für den Schlaf ganz besonders,

und, damit ich es nicht vergesse,

für den Anfang und das Ende

und die paar Minuten dazwischen

inständigen Dank,

meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

 

Dank braucht keine großen Worte, wohl aber einen Empfänger.

Enzensbergers Zeilen tragen den Titel: "Empfänger unbekannt."

Und ich? Für was kann ich danken?

Und ist mir der Empfänger bekannt?

 

(Dieter Müller)

 

 

 

 Dez. 2016 / Jan. 2017:

"Geboren um zu leuchten" - Impuls zum Weihnachtsfest zu Psalm 107 und Joh 1, 1-5. 9-14

 

Weihnachten ist ein Fest der Freiheit: Gott befreit durch die Geburt Jesu aus allem, was unfrei macht - und das kann bei jedem Menschen anders sein. Wie Menschen diese Erlösung durch Gott erfahren haben, das beschreibt der Psalm 107 in ausdrucksstarken Bildern, in denen sich vielleicht auch unsere eigenen Erfahrungen spiegeln:

Gott befreit von Ängsten, die einen gefangen halten.

Wer sich heimatlos und ungeborgen fühlt;

wer nach Gemeinschaft sucht, ohne so recht Anschluss zu finden;

wer bisher vergeblich nach einem Weg für sein Leben gesucht hat -

den führt Gott heraus aus Dunkel und Wüste,

für den lässt er sein Licht erstrahlen, einen Leitstern,

der in Ewigkeit nicht mehr vergeht:

Jesus Christus.

Durch ihn führt Gott zur wohnlichen Stadt, das heißt zu Geborgenheit und

Verbundenheit mit anderen. Christus schenkt die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht.

 

Doch dieses Licht, das an Weihnachten erstrahlt und das wir in diesen Tagen feiern -

es ist keine bloß äußere Erscheinung. Der Anfang des Johannes-Evangeliums führt tiefer hinein in das Geheimnis der Geburt Jesu:

Christus ist das Licht, das in jedem  Menschen aufleuchten kann, wenn der Mensch es nur zulässt, genauer noch: Wenn ein Mensch das Leuchten des Gottessohnes in seiner Seele wahrnimmt, erkennt und durch sein Leben leuchten lässt. Wenn er also Gott in sein Leben aufnimmt und so zu einem KInd Gottes wird.

 

Gott hat sich in der Geburt Jesu klein gemacht, damit wir nicht mehr klein von uns denken, sondern uns als Kinder Gottes begreifen:

als freie Menschen mit aufrechtem Gang und offenem Blick.

Die amerikanische Friedensaktivistin und Buchautorin Marianne Williamson hat dies so ausgedrückt:

"Wir sind alle bestimmt zu leuchten, wie es die Kinder tun.

Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, sichtbar zu machen.

Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen."

 

(Dieter Müller)