Meditationsimpuls Advent / Weihnachten 2020

Gott als Kind empfangen

Meditationsimpuls zu Markus 10, 10 - 13:

"Da brachte man Kinder zu Jesus, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie."

 

In diesem Evangelium geht es weder um eine Idealisierung des Kindseins noch um die Empfehlung an Erwachsene, doch wieder zum Kind zu werden. Es geht auch nicht um ein allgemeines Wohlwollen Kindern gegenüber. Es geht um die Frage: Wie finde ich Zugang zu Gott?

Die Antwort Jesu darauf ist eindeutig:

Indem ich die zärtliche und liebevolle Geste, mit der Jesus die Kinder empfing, auch bei mir selbst zulasse und nachvollziehe. In der Stille geht es darum nachzuempfinden, wie sich das anfühlt: liebevoll in den Arm genommen zu werden...

Gottes Zuneigung gilt dem Kind, das ich am Anfang meines Lebens war - und noch immer bin, egal, wie weit entfernt ich von den Jahren meiner Kindheit bin. Zugang zu Gott findet, wer Zugang zu dem Kind hat, das er nach wie vor ist; wer es, wie Jesus, nicht abweist sondern voll Zuneigung an sich heranlässt, in die Arme nimmt und segnet, d.h. ihm Gutes sagt. Es ist diese Zuneigung Gottes, die in Bachs Weihnachtsoratorium mit den Worten besungen wird: "Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen / tröstet uns und macht uns frei."

Was mir als Kind gesagt wird,  drückt Jesus durch seine Geste aus:

Du bist erwünscht und gewollt - ohne Wenn und Aber.

Du darfst sein, so wie du bist.

Du bist geliebt voll Zärtlichkeit.

Du bist beschützt und geborgen.

Dir wird Gutes gewünscht.

 

In der Stille diese Geste meditieren...

Weihnachten ist das Fest, an dem das göttliche Kind empfangen wird, obwohl es längst da ist.

Das ist nur auf den ersten Blick ein Paradox. Tatsächlich braucht Gott dieses Fest nicht, um bei uns anzukommen - wir aber vielleicht schon! Besonders dann nämlich, wenn wir uns wie die Jünger im Evangelium verhalten: schroff abweisend, anderen und uns selbst im Weg stehend.

Besonders dann könnten wir Weihnachten als den  - im Grunde täglich sich erneuernden - Moment begreifen, zu Gott zu finden, indem wir zu unserem eigenen Ursprung und Anfang zurückkehren. Indem wir uns also dem Kind zuwenden, das wir selbst sind und es liebevoll in unsere Arme schließen.

Gott will uns durch seine Geburt zu unserem eigenen Anfang zurückführen: zu jener Kraftquelle ungebrochenen Vertrauens, die seit Kindheitstagen in uns ist.

Denn ein Kind besitzt ein ungebrochenes Vertrauen. Es weiß, wie es sich anfühlt, heil und ganz zu sein.

Kinder haben ein sicheres Gespür für ihre körperliche und seelische Unversehrtheit.

Diese einzigartige Kraftquelle an Vertrauen und Zuversicht besitzt jeder Mensch. Der Zugang zu ihr kann aber aus verschiedenen Gründen verloren sein, doch muss er nicht auf Dauer versperrt sein. Das will Jesus mit seiner Geste zeigen.

Wenn Weihnachten das Fest der Annahme des Kindes ist, dann ist die Adventszeit die Zeit, die Aufforderung Jesu an mich zu hören:

Gib deine Ablehnung auf und weise das Kind, das du selbst bist, nicht ab!

Steh dir und Gott nicht länger im Weg und räum alles beiseite, was dich am Zugang zu diesem Kind hindert!

(In diesem Licht kann man auch Jesaja 40, 3-4 verstehen...)

Lass es (erneut) zu dir kommen und nimm es, wie ich das tue, behutsam und zärtlich in deine Arme.

Dann steht dir der Himmel offen - und du findest mich, deinen Gott, der dich liebt.

 

Dieter Müller